Sehnsucht.

Hier noch schnell eine Nachricht. Eben fix die Mails checken. Kurz einen Anruf erledigen. Mein Smartphone klebt an meiner Hand. In der Bahn blicken alle wie gebannt auf ihren Bildschirm.
Facebook, Instagram und co sind unsere stetigen Begleiter. Unsere besten Freunde. Virtuelle Freunde.
Wir wachsen zunehmend in eine Welt, wo Charakter keine Bedeutung mehr findet. Wo Einzigartigkeit auf dein virtuelles Dasein reduziert wird. Wer trägt das schönste Outfit? Wer isst das gesündeste Frühstück? Wer hat den besten Urlaub? Wer die meisten Follower?
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Was treibt uns an? Ist es die Sehnsucht nach ein bisschen Einzigartigkeit in einer Welt, in der doch alle irgendwie gleich sind?
In dieser virtuellen Welt blicken Menschen zu dir auf. Vergnügen sich mit einem aufgepimpten Leben, das nicht ihres ist.
Deinem gepimpten Leben.
Wieso ist die Sehnsucht nach einer unwirklichen Identität so groß?
Menschen fliehen aus dem Alltag, hinein in eine Welt, die so anders als die wirkliche Welt ist. Hier ist alles schön. Ich habe Fans. Ja. Ein bisschen Ruhm tut sich auf. Ich kann antworten wann ich will. Und wo ich will. Ich lasse mich inspirieren von schönen Menschen. Like. Followe. Vergesse.
Vergesse die wirkliche Welt. Mal kurz abschalten von dieser schnellen Welt. Eine Welt, die sich immer schneller dreht. Mir den Boden unter den Füßen wegzieht. Mich einfach nervt.
Eine Welt voller Unsicherheit. Flexibel sein ist in. Planen ist out. Weil wir nie wissen was als nächstes kommt. Wir können, wollen, dürfen alles. Höher, weiter, schneller. Heute hier, morgen da. Immer auf Durchreise. Nie zu Hause. Überforderung. Wir tauchen ab.
Ab in eine Welt, die uns mittlerweile auch stresst. Aber hier können wir noch träumen.
Oder?
Urlaub erleben wir nicht mehr. Wir haben ja genug Fotos auf Facebook, die wir uns hinterher anschauen können. Ah. Schon wieder ein Like. Du freust dich kurz.
Schnell noch ein Foto bei Instagram hochladen. Essen wird kalt. Scheiß drauf. Ich liebe kaltes Essen. Ich liebe überhaupt so viel. Das teile ich natürlich gerne. Und immer. Schnell noch den passenden Filter für das vegane Essen herausgesucht. Hochladen. Fertig. Warten auf den ersten Like.
Verlieben tun wir uns übers Internet. Liebe funktioniert irgendwie nicht mehr so wie früher. Liebe ist oberflächlicher als früher. Liebe ist flüchtiger als früher. Gibt es in unserer heutigen Welt überhaupt noch Liebe? Diese eine große Liebe? Oder leiden wir verbreitet unter Bindungsangst?
Du kannst schließlich jeden haben. Kurz das Smartphone gezückt und mal eben aus einem Katalog potentieller Liebhaber ausgewählt, wer es als nächstes sein darf. Vielleicht findest du ja jemanden, mit dem du ein paar Fotos für Instagram schießen kannst. Kuss. Kuss. Das lieben deine Fans.
Ihr seht: Ich sehe keinen Ausweg. Einer Welt wie dieser können wir nicht entfliehen. Außer wir buchen ein Oneway-Ticket zum Mond. Aber selbst da bin ich mir unsicher, ob wir uns nicht wieder neuen Herausforderungen stellen müssen. Herausforderungen, an denen wir wachsen. Wir müssen versuchen, dem Stress und dem Druck stand zu halten. Uns unsere Wohlfühlnische bauen. Unsere Freunde treffen. Ohne permanente Handyglotzerei. Mal den Kopf in der Bahn heben. Das Handy beiseitelegen. Mit Menschen sprechen. Erfahrungen machen. Denn in einer oberflächlichen Welt, wo dich Follower in der realen Welt nicht mal mit dem Arsch angucken, obwohl sie deine letzten 30 Fotos doch ach wie schön fanden, haben wir auf Dauer nichts verloren. Ja. Nur in der großen weiten Welt lernen wir. Wir lernen Menschen kennen. Ihre wahren Charakter. Wir lernen neue Orte kennen. Nur so wachsen wir. Und nur so haben wir auch wieder Futter für Instagram und co. Apropos Futter. Bitte genießt euer Essen auch mal wieder warm. Das rockt!

2 thoughts on “Sehnsucht.

  • Hallo liebe Isabel,

    ein schöner, kritischer Beitrag zur Verrücktheit dieser Welt. Ich hoffe, dass wir unser Leben auch jenseits dieser gestressten und virtuellen Welt erleben. Mein eindruck ist, dass viele Leute auch schon wieder auf einem guten Weg sind, sich von der Oberflächlichkeit zu verabschieden.

    Ich sende dir herzliche Grüße aus Weißensee und wünsche dir weiterhin viel erfolg mit deinem Blog!!!

    Christian ;-)

    • N’abend Christian,
      vielen Dank für deinen Kommentar! Wie schön, dass du dir die Zeit zum Lesen und Nachdenken genommen hast.
      Deinen Eindruck teile ich vollkommen. Aber Leggins sind irgendwie auch nie aus der Mode gekommen. Mit anderen Worten – es wird immer Menschen geben, die es nie kapieren. Leider.
      Ich sende blondeste Grüße zurück und bedanke mich herzlichst.
      Blondesmaedchen

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